Mauerschau

Der Begriff:

Die “Mauerschau” (auch Teichoskopie, griechisch teichoskopia) stammt aus dem antiken griechischen Drama und bezeichnet ein dramentechnisches Mittel, das gleichzeitiges Geschehen (heute: “action”), das sich außerhalb des Bühnenraums “im Off” abspielt, darstellt – mittels eines “Blickes über die Mauer”. Sie ist verwandt mit dem Botenbericht, unterscheidet sich aber dadurch von ihm, daß sie nicht von vergangenen, sondern von gegenwärtigen Ereignissen erzählt. Der Berichtende nimmt meist einen erhöhten Standpunkt ein (auf einer Mauer, einem Turm, einem Hügel) und beobachtet einen Vorgang, der auf der Bühne nicht oder nur schwer darstellbar ist (Schlachten, einen Schiffsuntergang). Seine besondere dramatische Qualität erhält die Mauerschau vor allem durch die Gleichzeitigkeit des von ihm Beschriebenen, wodurch die hier erzeugte Spannung und Suggestion im Vergleich zum Botenbericht ungemein verstärkt wird.

Die Subjektivität der objektiven Berichterstattung:

Eine wesentliche Eigenschaft der Mauerschau besteht darin, dass sich der Beobachter um Objektivität bemüht in seinem Bericht: Im antiken Drama (etwa bei Euripides) wie auch später bei Kleist oder Lessing lag es nicht nur an den Umstehenden auf der Bühne, Fragen zu stellen, das Gehörte zu kommentieren und zu interpretieren, sondern natürlich in der Folge auch am Publiukum selbst. Tatsache ist weiters, dass auch ein neutraler Beobachter seine Momentaufnahme nicht ohne den eigenen subjektiven Blickwinkel tätigen kann: Das Objektiv wird zum Subjektiv wird zum Objektiv.

Im Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft:

Ab dem Moment der Abreise aus ihrer Heimat ist alles, worüber die KünstlerInnen woanders erzählen können, vergangen – insofern liefern sie eigentlich einen “Botenbericht” ab. Tatsächlich berichten sie aber von politischen Entwicklungen der Gegenwart, die ihnen sogar Prognosen für die Zukunft ermöglichen, die Wünsche hervorbringen und von Befürchtungen begleitet sein können: Mutmaßungen über den Kurs eines Landes sind zu erwarten; über die Rolle der Kunst als Instrument der Steuerung wie auch als Element, das selbst gesteuert wird, darf und wird diskutiert werden.

KünstlerInnen als Botschafter ihres Landes:

Boten aus zehn Ländern berichten den EinwohnerInnen eines anderen von ihrer jeweiligen Heimat; sie fungieren damit als Botschafter ihres Landes – primär via die Kunst und die Kultur, die sie vermitteln, im weiteren natürlich auch, indem sie Stimmungen aus ihrer Heimat hinaustragen, von gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen berichten, Tendenzen wiedergeben. Das Publikum darf ihnen glauben oder nicht: Auch die Wahrheit ist subjektiv. Noch ist nicht einmal gesichert, ob die einzuladenden KünstlerInnen überhaupt als stellvertretend für die Kunst und Kultur ihres Landes gelten, ob sie für aktuelle Entwicklungen der Kunst in ihren Ländern stehen oder für Gegenbewegungen.

Die Mauer als Symbol für Grenzen:

Spätestens mit dem Bau der Berliner Mauer ist die Mauer Sinnbild geworden für Grenze, Trennung, Kälte. 10 Veranstaltungen mit zehn fremden Ländern bedeuten Auseinandersetzung mit tatsächlichen wie ideologischen Grenzen in Europa, Auseinandersetzung mit den ureigensten persönlichen Grenzen, etwa in Fragen der Toleranz, Auseinandersetzung mit realen Grenzen von Nationen zu anderen Nationen und schließlich Auseinandersetzung mit Grenzen innerhalb von Grenzen, wie etwa auf Zypern. Nicht zuletzt werden sprachliche Barrieren Grenzen ziehen wollen, die ausschließlich durch die Kunst überwunden werden können.

Der Standpunkt der Erhöhung:

Der Ort des Beobachters auf der Mauer stellt die/den Berichtende/n über jene, denen sie/er berichtet, aber auch über jene, von denen sie/er berichtet: der Künstler als Instanz der Gesellschaft, der mit dieser Aufgabe verantwortungsvoll umgehen muss, will er Instanz bleiben; die Künstlerin als Zeitzeugin, die sich außerhalb eines Geschehens sieht, in das sie in Wahrheit immer eingebunden ist.

Darüberhinaus: Mauerschau als Blick von Mauern auf andere Mauern und über Mauern hinweg; dahinter sind Horizonte sichtbar, die erschlossen und erweitert werden können.

Schließlich: Mauerschau ohne Filter

Die Mauerschau wurde im antiken Drama nicht nur eingesetzt, um das Fehlen von technischen Hilfsmitteln zu kaschieren oder um Ereignisse auszusparen, die Hundertschaften von AkteurInnen auf der Bühne erforderlich gemacht hätten. Ein dritter Aspekt war der Einsatz der Mauerschau als Möglichkeit und sogar Pflicht, grausames Geschehen von der Bühne und damit vom Publikum fernzuhalten. Das Grauen, das durch Zeigen verursacht wird, wird man durch Erzählen darüber nie erzeugen können.

Insofern hat das potentielle Publikum der Mauerschau im Innviertel Glück, da es nur berichtet bekommen wird. Es hat allerdings Pech, wenn es glaubt, dass es nur von den schönen Dingen des Lebens, der Länder und der Landschaften berichtet bekommen wird.

Uns als Veranstaltern geht es auch darum, die Dinge beim Namen zu nennen.

Quelle: www.servus.at